Freitag, 25. Dezember 2015

Wie ich zum vierten Mal Mama wurde.

Am ersten Dezember saß er in meinem Wohnzimmer: A. aus Syrien. Die breiten Schultern ließ er hängen, die Angst und Verzweiflung in seinen Augen war deutlich zu sehen.

Zwei Wochen zuvor hatte er seinen positiven Asylbescheid der Republik Österreich erhalten: er darf bleiben. Im Land, aber nicht in der Unterkunft, in der er sich im Moment befindet - Gratulation und auf Nimmerwiedersehen, denn die Unterkunft ist nur für Asylwerber vorgesehen. 
Was jetzt? Er hat kein Geld, kann kein Deutsch.

A. hat Glück: er kennt jemanden, der jemanden kennt, der die Plattform "Flüchtlinge willkommen Österreich" kennt, auf der wir registriert sind. 

So kommt er zu uns. 

Die ersten Tage hat er spürbar Angst, isst kaum und verbringt die Zeit in seinem Zimmer. Wenn ich nicht da bin, räumt er auf und putzt, bis alles glänzt.

Die Verständigung ist schwierig, ein paar Worte deutsch, ein paar Brocken englisch. Zum Glück gibt es den Google Übersetzer am Smartphone - aber das ist mühsam, und ich weiß nie, was da eigentlich bei ihm ankommt...

Warum machst du das, fragt er mich nach ein paar Tagen, nachdem ich mit ihm den ganzen Vormittag lästige Behördengänge absolviert hatte. Du bist Christ, ich bin Muslim, warum hilfst du mir? 

Du bist ein Mensch, ich bin ein Mensch, sage ich. Ist mir doch egal, ob du Muslim oder was auch immer bist.

Okay, Danke, sagt er, mit Unverständnis im Blick. Viele ähnliche Gespräche später begreife ich: Das Prinzip Nächstenliebe kommt in seinem Wertesystem so nicht vor. Da, wo A. herkommt, ist man extrem beziehungsorientiert - man hilft sich in der eigenen Großfamilie, man hilft jemandem, der einem früher mal geholfen hat, aber niemals einem Fremden oder einfach nur so. Daher kann er es nicht annehmen, wenn ihm jemand, der nicht sein Freund ist, etwas geben will.


Wer hat mehr Spaß - Lehrerin oder Schüler?

Nach zwei Wochen wird A. spürbar lockerer. Ich merke, dass er beginnt, mir zu vertrauen. Er fängt an zu glauben, dass er hier erstmal bleiben kann. Nach und nach erzählt er von seiner Flucht, von seiner Familie. Ich wundere mich, wie dieser schüchterne Junge es überhaupt lebend nach Österreich geschafft hat. 

Er hört auf, so schrecklich angepasst zu sein, und ich bemerke die ersten Macken. Dass er unglaublich stur sein kann. Launisch auch. Sehr stolz. Vereinnahmend: wenn er mir etwas erzählen oder mit mir deutsch lernen will, fordert er meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Es ist anstrengend. 
Er fordert viel von meiner Zeit und meiner Kraft, ein wenig vergleichbar mit einem neuen Baby. Wie durch ein Wunder habe ich immer genug davon. Wo kommt die zusätzliche Energie her? Ich danke Gott jeden Tag für diese Erfahrung. 

Durch ihn sehe ich meine Welt mit neuen Augen. Fahre mit ihm das erste Mal U-Bahn, sehe die Sehenswürdigkeiten der nahegelegenen Hauptstadt zum ersten Mal.
Du weißt nicht, wie das für mich ist, sagt er, als er zum ersten Mal den Stephansdom sieht. Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen. 
Und ich war noch nie so dankbar für mein Leben wie jetzt.


Bei strahlendem Sonnenschein ist Schönbrunn noch schöner.


Kurz vor Weihnachten wird A. nervös. Er spürt, dass etwas Wichtiges naht, und kann es nicht einordnen. Was wird von ihm erwartet? Wie soll er sich verhalten?
Erst möchte er nicht mitfeiern, aber schließlich lässt er sich überreden. Er bekommt auch Geschenke: ein selbstgemaltes Bild auf Keilrahmen von meiner jüngeren Tochter, eine Tube Haargel von meiner älteren, und noch ein paar Kleinigkeiten von Schwiegermama und Schwägerin. In meiner Weihnachtskarte schreibe ich ihm, wie froh ich bin, dass er zu uns gefunden hat. Dass er mir in der kurzen Zeit wirklich ans Herz gewachsen ist.
This is big for me, sagt er mir, sichtlich gerührt. Und: I love you like my mother.

Es klingt wahnsinnig kitschig, aber es fühlt sich so an, als sei mein Herz ein Stückchen gewachsen in diesen wenigen, intensiven Tagen. Als ich hätte ich auf einmal genug Platz darin für einen völlig fremden Menschen, der plötzlich in unser Leben getreten ist.

Das ist mein Weihnachtswunder.
Ich wünsche euch, dass ihr auch euer persönliches Weihnachtswunder erlebt habt. Dass ihr wie ich sagen könnt: das Leben ist schön. So, so schön. 
Nina.


Kommentare:

  1. Das ist wahnsinnig bewundernswert was du tust.
    Frohe Weihnachten
    Elke

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  2. Ich bin zufällig hier gelandet und ich finde es ganz großartig was du und deine Familie tut.
    Herzliche Grüße
    Sabine

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  3. Liebe Nina,
    soeben habe ich Deinen Bericht gelesen und bin sehr berührt davon. Ich wünsche Dir und Deiner Familie von Herzen alles Gute. Den jungen Mann kann man nur beglückwünschen zu so einer tollen Familie. Ihm wünsche ich, dass er sich gut einlebt im fremden Land und noch vielen Menschen wie Euch begegnet.

    Herzliche Grüße, Irene

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