Freitag, 24. Oktober 2014

Freutag: Alles (ist) gut.

Das Kind, fast 9, sagte kürzlich zu mir: "Mama, ich finde, die besten Kinderbuchautoren sind Michael Ende und Astrid Lindgren."

That's my girl. 

Das muss einfach zum Freutag!
(Derzeit lesen wir "Die unendliche Geschichte".)

Und sonst so?  

Lebkuchenherz vom Pircher aus Mariazell. Immer einen Besuch wert!


Schon lange wollte ich etwas über Depression schreiben, eine Krankheit, die viele nicht verstehen und nicht als solche anerkennen.

Viele, die mich kennen, sind sehr überrascht, wenn sie erfahren, dass ich unter Depressionen leide. 
Erstens, weil man es mir erstens im Alltag nicht anmerkt - ich wirke höchstens manchmal schüchtern/eingebildet/müde/hochmütig/grantig.

Zweitens, weil ich keinen Grund habe.
Ich hatte eine behütete Kindheit. Gesunde, gescheite (siehe oben!), überaus hübsche Kinder. Keine Geldsorgen. Eine harmonische Ehe. Ich habe ALLES. 

Und trotzdem überfällt es mich, immer wieder: das Dunkle, Schwere. Alles ist so mühsam: Das Aufstehen. Das Frühstück machen. Einkaufen gehen. Mit den Kindern Schulaufgaben machen. Alle anderen hunderttausend Sachen erledigen, die meine Kinder ständig von mir fordern.

Mein kleiner feinfühliger Bub, 4, merkt das. Kürzlich fragte er mich, was ich an meinem freien Vormittag, während er im Kindergarten sei, so vor hätte. Ich, seufzend: "Ich muss aufräumen, Wäsche machen und einkaufen." Er: "Mama, das ist mühsam, oder?" Sofort habe ich ihm versichert, dass ich das gern mache. Ich will auf keinen Fall, dass er denkt, es wäre mühsam, seine Mama zu sein!

Das ist es nämlich nicht. Es ist nur manchmal mühsam, ich zu sein.

Ins Büro zu fahren, ist an solchen Tagen fast eine Erleichterung. Meinen Job im Rechnungswesen würden viele stinklangweilig finden, aber ich mag das: Über Verrechnungskonten brüten und die Fehler finden. Listen abstimmen, Auswertungen interpretieren. Da ich luxuriöserweise nur zweimal pro Woche ins Büro muss, ist das für mich wie eine Auszeit.

Seit einigen Jahren bin ich in Therapie, bei einer ausgezeichneten Kinesiologin und Psychologin, die mich mittels Psychokinesiologie behandelt. Sehr effektiv, sehr wirksam. Außerdem nehme ich Serotonin Wiederaufnahme-Hemmer. Und fallweise Schüsslersalze, Bachblüten.

Es geht mir gut. Meistens. Und die schwarzen Tage gehen auch vorbei. Mit diesem Post möchte ich aber gerne aufmerksam machen, die Wahrnehmung schulen - denn ich hatte 4 Jahre lang Depressionen, bis ich erkannt habe, was mit mir los ist. Vier verlorene Jahre.

Das kam so:
Nach der Entbindung von meiner zweiten Tochter fiel ich in ein tiefes Loch.
Wochenlang heulte ich die Nächte durch. Es hörte einfach nicht auf. Ein Neugeborenes und ein höchst trotziges zweieinhalbjähriges zu betreuen, kostet natürlich Kraft.
Es ist die Erschöpfung, dachte ich. Das geht vorbei.

Es ging nicht vorbei.
Als nach 2 Jahren mein Neffe geboren wurde, und ich ihn im Krankenhaus besuchen wollte, konnte ich nicht. Ich bekam bei dem Gedanken, in ein Krankenhaus zu fahren, alle Zustände einer mittelschweren Panikattacke!

Da wurde mir klar: Irgendwas stimmt nicht - ich habe wohl die Entbindung nicht verarbeitet.
Ich versuchte Cranio-Sacral-Therapie. Nach fünf Terminen meinte die Ärztin, sie komme nicht weiter bei mir, ich blockiere.
Dieser Misserfolg nahm mir den Mut, mich weiter um eine Therapie umzusehen.

Ich konnte mich selbst nicht leiden. War ungeduldig, ständig müde, immer schlecht gelaunt. Wenn mir jemand sagte, wie süß meine Töchter wären, wusste ich nicht, was sie meinten. Ich konnte es nicht sehen.
Ich dachte, ich bin einfach so: ein unfreundlicher Mensch, eine schlechte Mutter...

In dieser Zeit bauten wir ein Haus. Es ist die Erschöpfung, dachte ich. Das geht vorbei.

Es ging nicht vorbei. Ich war unglücklich. Mein Mann war unglücklich. Er dachte, unsere Ehe wäre am Ende. Ich war am Ende.

Als das Haus mit den drei Kinderzimmern fertig war, sollte das dritte Kinderzimmer gefüllt werden. Mein Mann wünschte sich noch ein Kind. Ich wollte gerne, wusste aber nicht, wie ich es schaffen sollte. Schließlich entschied ich mich doch dafür.

Ich wurde schwanger. Plötzlich war ich ein neuer Mensch! Wie schön die Welt war! Was für ein schönes Leben ich hatte! Das grantige, missmutige, negative Wesen war verschwunden, Ich war wieder da! Alles war wunderbar. Auf einmal konnte ich mich wieder leiden. Und alles um mich herum.

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass ich wohl eine so genannte Postpartale Depression gehabt hatte, die durch die Hormonumstellung in der Schwangerschaft verschwunden war.

Dann bekam ich meinen kleinen, gesunden, schönen Jungen. Eine schnelle, unkomplizierte Entbindung.
Einige Wochen danach war mir klar: Das Monster Postpartale Depression hat mich wieder im Griff.

Meine Freundin, die meine Geschichte kannte, versuchte alles, um mich dazu zu bewegen, eine Psychotherapeutin aufzusuchen. Es dauerte Wochen, bis ich dazu imstande war, auch nur anzurufen und einen Termin auszumachen. Schließlich hatte ich den Termin, bekam die Diagnose Depression, und das Medikament verschrieben.

Nach einiger Zeit ging es mir viel besser. Ich ging in meine Therapie, und ich fühlte mich ganz "normal".

Dann geschah etwas Merkwürdiges: Immer wieder wurde ich darauf angesprochen (von denselben Personen in der Familie), ob ich denn die Medikamente noch brauche, der Bub sei ja jetzt schon über ein Jahr alt, und wie lang ich sie denn noch nehmen wolle.

Seltsam. Sagt man denn zu einem Diabeteskranken, oder jemandem, der Bluthochdruck hat: Jetzt reiß dich mal zusammen und schau mal, ob du nicht ohne Medikamente auskommst?

Jedenfalls ließ ich mir einreden, ich müsse auch ohne Tabletten auskommen, und setzte sie ab.
Natürlich ging das gar nicht gut. Nach ein paar sehr düsteren Wochen begann ich wieder, das Medikament zu nehmen, und nehme es seither.

Versteht mich nicht falsch: Ich will nicht sagen, ach, du bist traurig und deprimiert, hier nimm diese Pille, dann geht's dir besser. Aber Depression ist eine Krankheit, keine Einstellungssache, nichts, das man eben mal schnell durch Positives Denken wegschafft.

Es gibt vieles, was man tun kann, um sich das Leben mit Depression zu erleichtern, und ich mache das alles nach besten Kräften: Sport, an die frische Luft gehen, Therapie, ich schaffe mir Freiräume, lese inspirierende Bücher, ich bete.
Und ich nehme mein Medikament.

Ich weiß, dass keine schwere Form der Depression habe. Es gibt viel, viel Schlimmeres, und ich will das nicht klein reden.
Doch ich denke, dass gerade diese Form der leichten bis mittleren Depression vom Umfeld und auch oft vom Betroffenen selbst nicht bemerkt wird - so war es bei mir.
Ich habe ja gut funktioniert...

Ich möchte hier einen Appell an euch richten: Haltet die Augen offen. Vielleicht braucht jemand in eurer Umgebung Hilfe, und weiß es selbst nicht.
Vielleicht brauchst du selbst Hilfe. Dann bitte jemanden, dich an die Hand zu nehmen. Für dich einen Termin beim Arzt auszumachen, dich dort hinzubringen. Lass dir helfen.
Es wird wieder gut!

Nina.

Kommentare:

  1. Liebe Nina,

    vielen Dank das du dich traust dieses Thema anzusprechen! Es ist so schwer in die Köpfe der Menschen rein zu bekommen das Depressionen eine Krankheit ist!

    Ich erlebe es so oft wie es belächelt wird und könnte jedes mal hoch gehen! In diesen Momenten denke ich mir, du müsstest mal darunter leiden, damit du verstehtst wie es ist!

    Ich selber bin auch in Behandlung, bis ich mich dazu getraut habe sind locker 3 Jahre vergangen, ich habe so lange funktioniert bis ich nicht mehr konnte, garnicht mehr!
    Ich hatte zu dem Zeitpunkt Glück das meine jetztige Therapeuthin grad nen freien Platz hatte und mich somit sofort aufnehmen konnte.

    Und dir kann ich nur raten, hör auf dein Herz und dein Gefühl, lass dir nix von Verwandten/Bekannten erzählen oder einreden!

    Fühl dich gedrückt
    LG Schnittchen

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  2. Du besondere Frau. Danke für Deine Worte und für Deinen Mut!

    Lieben Gruß, A.-Alexandra

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  3. Hallo Nina,
    ich finde es auch toll, dass Du dazu geschrieben hast. Und besonders den Vergleich zu Therapie bei Diabetes etc. Eine Depression ist schwer zu fassen und bei allem Wissen nicht immer zu verstehen, bei meiner Cousine habe ich früher immer gesagt, mag sein, dass sie Depressionen hat, aber sie ist auch ganz schön eigensinnig und bockig... und konnte alles ausleben mit der Entschuldigung Depression. Das hört sich jetzt gemein an, aber als Kind hatte ich das so empfunden.
    Ich wünsche Dir, dass es Dir weiterhin gut geht und Dir immer geholfen wird!
    Liebe Grüße von Petra

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  4. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  5. Hallo Nina,

    ich möchte mich den anderen anschließen: toll, dass du so offen deine Geschichte erzählst! Ich leide selber unter sehr schweren Depressionen in Zusammenhang mit einer Essstörung und plane schon seit längerem einen eigenen Blog zu starten, da ich merke, dass ich vieles übers Schreiben verarbeiten kann. Nur der letzte Schritt des Umsetzens fällt mir noch schwer.
    Mir geht es oft so, dass ich mich in schweren Momenten durch kreative Projekte ablenken kann und merke, dass mir das Werkeln, Stricken, Häkeln, Nähen unheimlich gut tut :-) Ich wünsche dir das selbe und vor allem alles Gute für deinen weiteren Weg mit der Krankheit!!
    LG, Sarah

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